Am Leben

Kuhn, Christoph

Am Leben


978-3-86160-402-0

Verfügbarkeit: Vergriffen

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Kurzübersicht

Roman


Erscheint jetzt unter dem Titel "Die hinteren Gründe"

Am Leben

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Produktbeschreibung

Tilmans Zuflucht sind die Hinteren Gründe, wo er frei atmen kann, sich im Fernriechen und -hören übt und von seiner Liebe zu Felizitas träumt. In Gedanken reist er aus dem „Tal der Ahnungslosen“ in den Wilden Westen, nach Indien oder wenigstens bis nach Regensburg. Gerade ist zum ersten Mal ein Mensch in den Kosmos geflogen, aber auf der Erde gibt es Eiserne Vorhänge. Auch die Welt der Gedanken und Wörter ist geteilt. Zu Hause gelten andere Werte als in der Schule. Und selbst in den Baumkronen kann er nicht vergessen, was ihn beschwert – Drohungen, Befürchtungen, düstere Ahnungen der Erwachsenen, Todeserfahrung. Doch es gibt unerhoffte Aussichten und einen rätselhaften Besuch...

Leseprobe:

Aus Burkhards Zimmer ertönte ähnliche Musik, wie Stephan sie hörte. An die Wand, wo die Silberbüchse gehangen hatte, waren Fotos von Schauspielern und Schauspielerinnen gezweckt. Auch die BB war dabei. Tilman wusste nun, was er sich bisher noch nicht hatte eingestehen wollen – es gab keinen Stamm der Apachen mehr. Vielleicht war damit schon nach dem Raketenstart Schluss ge­wesen oder noch vorher, seit der Begegnung mit Fee am Teich.

Zitate:

„Neben der atmosphärischen Dichte und der Genauigkeit im Erinnern zeichnet sich das Buch durch seine Sprache aus. Sie ist genau, teilweise heiter [...] und [...] dem Verstehenshorizont der Hauptfigur angemessen ohne jemals simpel zu werden.“

Jürgen Israel, Zeitzeichen 7/2008, über Christoph Kuhn: Am Leben.

Zusatzinformation

Autor Kuhn, Christoph
Eigenschaften 151 Seiten, Format 14 × 21 cm Hardcover-Ausgabe vergriffen, keine Nachauflage. Softcover ist erschienen unter dem Titel "Die hinteren Gründe"
Leseprobe

LEBEN, IMMER WEITER
Zu Christoph Kuhns Roman „Die hinteren Gründe“

„Aus dem Lautsprecherkasten kam die Stimme des sowjetischen Fliegermajors Juri Gagarin, des ersten Kosmonauten der Welt, der den Äther erstürmte und zwischen den Sternen dahinflog. Seine Stimme kam direkt aus dem Weltraum …“ Das war 1961 und für ein 11-jähriges Dresdner Kind aufregender als der Mauerbau desselben Jahres. Tilman heißt der Junge und ist das Alter Ego im Roman „Die hinteren Gründe“ des Autors Christoph Kuhn, der mit seinen Büchern zunehmend zum Chronisten der DDR wird. Schon in früheren Geschichten – zu finden beispielsweise im Sammelband „Tatjanas Zimmer“ – beschäftigt er sich nicht nur mit Vor- und Nachwende-Erzählungen; vielmehr spürt er dem Geschmack einer Kindheit und Jugend nach, den der „erste sozialistische Staat auf deutschem Boden“ in Seele und Gemüt eines Heranwachsenden hinterließ. Denn neben einem normalen Jungen-Alltag, in dem halbverfallene Weltkriegsbunker durchforscht, Kosmonautenabenteuer mit Schwarzpulverraketen nachgestellt oder die Reize von Felizitas’ Alabasterkörper phantasiert werden, gibt es da noch etwas anderes: den Psychodruck in der Schule, wenn der Vater kein Freund der Jungen Pioniere ist und seinen Widerstandsgeist auf dem Rücken der Kinder lebt. Lehrer, die Heine und Morgenstern im Unterricht lesen und von Heut auf Morgen verschwinden. Den strengen Hinweis im Russischunterricht von Frau Frischbier, dass „Woskresenje“ Sonntag und nur Sonntag heiße (und nicht auch „Auferstehung“, wie ein vorwitziger Schüler meint). Und weil Tilman in einer christlichen Familie aufwächst, ist die Welt der Gedanken und Wörter geteilt. Zu Hause gelten andere Werte als in der Schule. Aber es gibt die Flucht in die Baumkronen der „Hinteren Gründe“. Dort träumt sich Tilman aus dem „Tal der Ahnungslosen“ in den Wilden Westen, nach Indien oder wenigstens bis nach Regensburg. In Gedanken wer weiß wohin reisen: das ist ein wiederkehrender Topos in Kuhns Werk.

Der Alltag mit seinen Fährnissen, Sehnsüchten, Ernüchterungen und mit seinen glücklichen Momenten interessiert ihn mehr als die große Politik – doch immer wieder bricht sie durch: mit Drohungen gegen allzu Unangepasste, der Furcht vor dem „Atom“, dem düsteren Raunen der Erwachsenen um Onkel Pauls Erstummen nach sieben Jahren Haft. Weder ostalgisch-verklärend noch besserwisserisch-verdammend schreibt Kuhn; was er macht, ist: er erinnert. Sich und andere. Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall und dem erschreckend rudimentären Wissen insbesondere von jungen Menschen ein Buch zur rechten Zeit. Geschrieben in einer feinen, authentischen Sprache aus der Perspektive eines Heranwachsenden, der immer mehr von der ihn umgebenden Welt erkennt – nicht nur äußerlich durch eine neue Brille, sondern auch und vor allem: dass er sich ändert und mit ihm die Welt. An der Wand, „wo die Silberbüchse gehangen hatte, waren Fotos von Schauspielern und Schauspielerinnen gezweckt. Tilman wusste nun, was er sich bisher noch nicht hatte eingestehen wollen – es gab keinen Stamm der Apachen mehr.“ Gagarin ist gelandet, die Mauer trennt Berlin. Eine neue Zeitrechnung beginnt.

Tristan Berger in oda Ort der Augen, 4/2010

URL http://www.kuhn-christoph.de

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